Coming-out als Lehrkraft

Benjamin Ehlers erzählt von seinen Erfahrungen und gibt Tipps für andere Lehrer:innen.

Coming out Lehrer

Das Coming-out im Klassenzimmer ist für alle Beteiligten herausfordernd. Ob nun Schüler:in, Lehrer:in oder Elternteil – über die eigene sexuelle Orientierung zu sprechen hat immer mit Selbstoffenbarung zu tun. Während es für junge Menschen gerade in den Großstädten und auch online zahlreiche Beratungsangebote gibt, sind Lehrkräfte aus der LGBTQI+ Community in besonderem Maße gefordert, neben ihrer professionellen Distanz auch die persönliche Bindung zu den Schüler:innen im Blick zu behalten. Zu den zentralen Momenten des Coming-outs als Lehrer:in interviewen wir jemanden, der Schule aus unterschiedlichsten Rollen aus der queeren Perspektive erlebt hat.

Benjamin ist stellvertretender Schulleiter der Emil Krause Schule in Hamburg und selbst schwul. Mehr Infos zu Benjamin findest du am Ende des Interviews.

 

 

Coming Out Lehrkraft
Benjamin ist u.a. Lehrbeauftragter am Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung Mecklenburg-Vorpommern.

Welches schulische Outing ist dir am stärksten im Gedächtnis geblieben?

Das war im Herbst 2019 als ich den Dienst an meiner aktuellen Schule angetreten habe. Ich war gerade als stellvertretender Schulleiter berufen worden und lernte meine neuen Schüler:innen im Physikunterricht der siebten Klasse kennen. Nach den ersten Stunden beginnen Schüler:innen auch mal persönliche Fragen zu stellen. Natürlich kam irgendwann die Frage auf, ob ich verheiratet bin oder eine Freundin habe. Als ich beides verneinte und auf Rückfrage auch kein Single zu sein scheine, entfuhr es einem Schüler: „Hä, sind Sie mit Ihrem Hund zusammen?“. Einer seiner Mitschüler kombinierte jedoch richtig und nach wenigen Nachfragen war das Coming-out dann auch in dieser Klasse erledigt.

Für die nächsten zwei Wochen war der schwule, neue Lehrer scheinbar das große Gesprächsthema der Schüler:innen. Immer wieder wurde ich angesprochen und vorsichtig gefragt, ob diese Gerüchte über mich stimmen würden. Dann nach zwei Wochen war diese Phase vorbei und es meldeten sich nur noch Schüler:innen, die einen persönlichen Bezug zum Thema haben: eigene Unsicherheiten, das Thema Eltern oder queere Freund:innen.

Das klingt ja ziemlich entspannt. Bist du immer so locker damit umgegangen?

Nein, natürlich nicht. Als ich meinen ersten Lehrauftrag hatte, das war noch vor dem Vorbereitungsdienst, war ich erstmal ungeoutet und habe Fragen nach meinem Privatleben abgeblockt. Dann kam die Gelegenheit kurz vor den Sommerferien und dem damit verbundenen Dienstende an dieser Schule. Eine Schülerin stellte eine Frage zu meinem Schlüsselbund. Ich hatte ihn ihr zwischendurch für den Toilettenzugang geliehen und sie hatte ein Namensschildchen daran gesehen. Also fragte sie: „Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen? Wer ist eigentlich Peter?“. Was sie nicht wusste: Mein Vater (Peter) war vor kurzer Zeit verstorben und ich hatte noch seinen Wohnungsschlüssel am Schlüsselbund. Als ich das erklärte, antwortete sie überrascht: „Ach so! Ich dachte, Sie seien vielleicht schwul und Ihr Freund heißt Peter!“. Auf meine Antwort „Ich bin schwul, ja, aber mein Freund heißt nicht Peter“ herrschte für ungefähr fünf Sekunden absolute Stille im Klassenraum, bis dann so etwas wie Jubel ausbrach. Das Eis war gebrochen. Es folgten noch einige Fragen, aber die Schüler:innen waren sehr offen. Das hatte ich so nicht erwartet.

Wieso das? Jugendliche sind doch heutzutage, im Vergleich zu anderen Altersgruppen, besonders aufgeschlossen.

Das stimmt vielleicht in gewissen Teilen der Gesellschaft. Trotzdem ist „schwul“ immer noch eines der beliebtesten Schimpfworte für die Schüler:innen. Das verändert sich nur sehr langsam.

Als ich Schüler war, hätte ich mir nicht vorstellen können, mich in der Schule zu outen. Mir fehlten auch die Begriffe, um meine sexuelle Orientierung einordnen zu können. Im Aufklärungsunterricht kam das Thema gar nicht vor. Deshalb engagiere ich mich bis heute für Vielfaltbildung in der Schule.

Wie kann denn Vielfalt mehr Raum in der Schule bekommen? Es gehört ja schließlich nicht zum Lehrplan.

Das stimmt nur bedingt. In der Schule gibt es nicht nur Fachinhalte, die es zu vermitteln gilt, sondern auch eine ganze Reihe überfachlicher Kompetenzen wie Gesundheits-, Verkehrs- oder Demokratieerziehung. Themen, die man nicht nur an ein Fach, sondern eigentlich an alle Fächer koppeln muss. Einer dieser Aspekte ist das Aufzeigen der großen gesellschaftlichen Bandbreite, von verschiedenen Familienmodellen über sexuelle / geschlechtliche Vielfalt bis hin zu Klassismus. Schüler:innen in diesen Bereichen zu bilden ist wichtige Kernaufgabe der Schule und damit aller Lehrer:innen!

Benjamin und weitere Mitglieder der „queeren Lehrer:innen Hamburgs“ beim Hamburger CSD 2019.

Also braucht es eigentlich eine Stunde „Vielfalt“ auf dem Stundenplan?

Soweit würde ich gar nicht gehen. Wir können viel niedrigschwelliger an die Sache herangehen: Eines meiner Lieblingsprojekte in Hamburg ist das Schulaufklärungsprojekt „Soorum” im Magnus-Hirschfeld-Centrum. Ähnliche Projekte gibt es in vielen Bundesländern, beispielsweise unter dem Namen „SCHLAU“. Das Prinzip ist dabei erstmal relativ ähnlich: Schüler:innen lernen von ungefähr gleichaltrigen Peers, vielfach mit LGBTQI+ Hintergrund, andere „Normalitäten“ kennen. Durch den Peer-Ansatz wird eine persönliche Nähe hergestellt, die dann zum schnellen Abbau von Vorurteilen führt. Der Grund hierfür ist recht einfach: Durch das Kennenlernen werden Vorurteile auf die Probe gestellt und am Ende durch Urteile ersetzt. Dieses Projekt habe ich aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt.Sowohl im Team als auch in der Gastrolle habe ich erlebt, wie in einem dreistündigen Termin unglaublich viel in der Sozialstruktur der Klasse passiert. Oft waren es gerade die besonders provokanten „Macker“, die durch die Konfrontation einen Denkanstoß erhalten haben und später auch ihr Verhalten mehr reflektiert haben.

Natürlich gibt es nicht in jeder Stadt solche Angebote, aber auch durch interne Projektwochen oder die richtige Auswahl von Lektüre, Aufgaben oder Diskussionsthemen kann die Schule ihrer Bildungspflicht nachkommen und so für eine gerechtere, offene Gesellschaft eintreten.

Da sprach doch gerade der Schulleiter mit den großen Haltungsfragen aus dir. Werden wir wieder konkret: Wie reagierst du, wenn sich eine Lehrkraft aus deiner Schule mit Coming-out-Gedanken an dich wendet?

Zunächst einmal höre ich natürlich zu, lass den:die Kolleg:in die Situation schildern. Ein Patentrezept für ein Coming-out gibt es nicht, da kann ich nicht einfach sagen: „Mach es so wie ich!“. Das hängt ganz einfach damit zusammen, dass jeder Mensch in der Persönlichkeit und jede Sozialstruktur um diesen Menschen herum unterschiedlich sind. Als Lehrer:in steht man jeden Tag vor der Klasse und zeigt dort einen Teil seiner Persönlichkeit. Dabei gibt es Lehrer:innen, die schnell eine gute Beziehung zu ihren Schüler:innen aufbauen können und gleichzeitig eine professionelle Distanz wahren. Anderen Kolleg:innen fällt genau das schwer und haben oft im Alltag sehr damit zu kämpfen, nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Vorgesetzter, aber auch als langjähriger Sprecher des schwulen Lehrerstammtisches, habe ich eine ganze Reihe von Kolleg:innen durch ihr Coming-out begleitet. Bei niemandem hat sich die grundlegende Beziehung zu den Schüler:innen verändert.

Das bedeutet: Für eine beliebte Lehrerin kann ein Coming-out ein Befreiungsschlag sein und den Schüler:innen eine weitere Persönlichkeitsfacette für Zuneigung bieten. Der Lehrer allerdings, der ohnehin ein schwieriges Standing hat, läuft Gefahr noch mehr Angriffsfläche zu bieten. Genau das gilt es zu reflektieren, bevor man eine solche Entscheidung trifft. Ich möchte jedoch vor allem die jungen Kolleg:innen ermutigen, sich zu zeigen und ihren Schüler:innen ein Vorbild zu sein.

Soll man sich denn einfach outen oder gilt es da mehr zu beachten?

Auch hier gibt es kein Patentrezept. Sicherlich ist es gut, das persönliche schulische Umfeld, beispielsweise der:die Teampartner:in oder der:die Schulleiter:in, einzubeziehen. Diese können beim disziplinarischen Umgang mit Schüler:innen und Problem-Eltern unterstützen. Auch der schulische Sozialdienst kann das Thema durch gezielte Ansprache vorentlasten. Eine Arbeitsgruppe des Kollegiums kann durch Thementage für mehr Offenheit sorgen. Das muss natürlich nicht alles vorher geschehen, aber es hat mir beispielsweise sehr geholfen, dass ich bei einem Konflikt direkt den Abteilungsleiter ansprechen konnte, um entsprechende Unterstützung zu bekommen, ohne mich erneut outen zu müssen.

Was würdest du zukünftigen Lehrkräften im Studium oder ungeouteten Lehrkräften raten?

Sei immer du selbst! Suche dir Unterstützung, wenn du sie brauchst! Sei mit allen Facetten deiner Persönlichkeit als Lehrer:in für deine Schüler:innen da!

 

Benjamin Ehlers ist stellvertretender Schulleiter der Emil Krause Schule, einer mittelgroßen Stadtteilschule in Hamburg-Barmbek. Er war lange Sprecher des Stammtischs Schwuler Lehrer Hamburg, Mitglied des Arbeitskreises Vielfalt am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung und machte zahlreiche Veröffentlichungen, Fortbildungen und Interviews zur Vielfalt an der Schule. Neben seinen schulischen Pflichten ist er Lehrbeauftragter am Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung Mecklenburg-Vorpommern im Bereich der universitären Lehrkräfteausbildung. Kontakt:

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